Filmkritik: Die Reise zum Mond

Regie: Georges Méliès
Drehbuch: Georges Méliès
Schauspieler: Georges Méliès, Bleuette Bernon, Henri Delannoy, Jeanne d’Alcy
Kamera: Michaut, Lucien Tainguy
Land: F
Start: 1902

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts steckte das Kino noch in den Kinderschuhen. Der erste Filmprojektor, der eine Vorführung vor einem Publikum erlaubte, wurde etwa 1895 von den Gebrüdern Lumière in Frankreich erfunden und schnell zur Attraktion auf Jahrmärkten und in Theatern. Zunächst beschränkten sich die Filmvorführer auf das Zeigen von Alltagssituationen wie beispielsweise Arbeitern, die eine Fabrik verlassen, oder Paraden. Die Filme waren kaum länger als einige Minuten. Der wenige Sekunden lange Kurzfilm »La Charcuterie mécanique« über eine roboterhafte Maschine, die ein Schwein verwurstet, wird von einigen als erster Science-Fiction-Film der Geschichte angesehen, aber darüber streiten sich immer noch die Gelehrten. In meinen Augen handelt es sich eher um einen Sketch als um einen Film mit einer Handlung.

Der aus einer Fabrikantenfamilie stammende Georges Méliès begeisterte sich seit einer Englandreise für Theater und Bühnenmagie und investierte sein Erbe in den Erwerb eines Theaters in Paris, wo er sich als Illusionist betätigte. Er kaufte eine Filmkamera in London und begann sofort, mit der neuen Technik zu experimentieren. Er patentierte später seinen eigenen Kinetografen, der sowohl als Kamera wie auch als Filmprojektor eingesetzt werden konnte. Von 1896 an produzierte er seine eigenen Filme – bis 1913 immerhin über 500 Stück – und zeigte sie in seinem Theater. Dabei erfand er eine ganze Palette an Spezialeffekten, die teilweise in nur leicht abgewandelter Form heute noch genutzt werden. Darunter Überblendungen, Doppel- und Mehrfachbelichtungen sowie Schnitttechniken.

1902 brachte er »Die Reise zum Mond« heraus, der eng an den Roman von Jules Verne angelehnt ist. Er zeigt eine Gruppe wagemutiger Männer, die in einer Kanonenkugel zum Mond geschossen werden, dort mit den Eingeborenen kämpfen und schließlich sicher wieder zur Erde zurückkehren. Völlig zu Recht kann das Werk als erster wirklicher Science-Fiction-Film mit einer Handlung gelten, auch wenn es kaum länger ist als 15 Minuten.
Das Werk war ein beachtlicher Erfolg. Méliès druckte ihn in Mengen und verkaufte ihn an andere Aufführer auch im Ausland, darunter Deutschland, Kanada und Italien. Das große Geschäft entging ihm allerdings, da der Streifen besonders in den USA raubkopiert – vor allem von der Edison Manufacturing Company – und von einer Vielzahl an Firmen illegal verkauft wurde. Ausgerechnet in Übersee wurde das Werk dann zu Méliès’ Leidwesen ein regelrechter Blockbuster.

In den Jahren danach wurde der Film erst einmal vergessen. Méliès musste seine Karriere nach finanziellen Schwierigkeiten beenden. In der Zeit des Ersten Weltkrieges beschlagnahmte das Militär den größten Teil seiner Werke. Ein unendlich wertvoller kultureller Schatz wurde zerstört, um aus dem Zelluloid Stiefelabsätze zu fertigen. Von dem, was übrigblieb, vernichtete Méliès in einem Wutanfall das meiste und »Die Reise zum Mond« wurde vergessen. Méliès selbst verkaufte am Gare Montparnasse in Paris Spielzeug und Süßigkeiten an Kinder, um über die Runden zu kommen.
Erst in den Zwanzigern tauchten viele der Filme Méliès’ wieder auf, und der im Entstehen begriffene Zweig der Filmhistoriker sorgte dafür, dass der heute legendäre Filmemacher den Ruf erhielt, den er verdiente. Er starb 1938 im Alter von 76 Jahren an Krebs.
Von »Die Reise zum Mond« gibt es inzwischen eine restaurierte, nachkolorierte Fassung auf DVD und Blu-Ray zusammen mit einer sehenswerten Dokumentation über die Entstehung des Werkes.
Für alle, die ernsthaft an der Geschichte nicht nur des Science-Fiction-Films, sondern auch an der Historie des Kinos allgemein interessiert sind, ist der Streifen ein absolutes Muss.

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Aus dem Buch 115 Jahre Science-Fiction im Kino – 250 Filme von 1902 bis 2016 von Phillip P. Peterson (erscheint im Frühjahr 2017)

 

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